Obwohl Deutschland technologischer Vorreiter und „Made in Germany“ hoch angesehen ist, sieht es in Sachen Digitalisierung der Unternehmen weit weniger gut aus. Insgesamt fallen die Unternehmen hierzulande zurück, gerade gegenüber den USA und Asien. Oft bleibt es bei der Automatisierung der Produktion oder bei ausgewählten Projekten. Nur wenige Unternehmen nutzen heute die Digitalisierung für Wachstum in gesättigten Märkten und für eine zukunftsfeste Aufstellung. Diese einmalige Chance sollte mit einer umfassenden Digitalisierungsstrategie realisiert werden. Das gelingt in sieben klaren Schritten. 


Innovator Deutschland – aber Digitalisierung? 

Deutschland ist Marktführer und Innovator in vielen Bereichen, insbesondere im technologischen Sektor. Der Maschinenbau ist ein Beispiel dafür, ebenso die Nanotechnologie oder die Medizintechnik (https://www.carpeviam.com/wachstumsstrategien-fuer-medtech-unternehmen/). Doch wie stehen die Unternehmen des Landes da, wenn es um die Digitalisierung geht?

Chancen der Digitalisierung wenig genutzt

Natürlich sind die Digitalisierung und digitale Transformation in jedem Unternehmen auf der Agenda. Dies ist zum einen der technologischen Entwicklung und den Erwartungen der Kunden geschuldet. Zum anderen bietet die Digitalisierung eine Chance, die Kosten zu senken und Produktivität zu steigern. Strategisch entstehen komplett neue Möglichkeiten für das Wachstum, gerade in den etablierten gesättigten Märkten. Plattformstrategien sind eines der innovativen Geschäftsmodelle, welches hohen Wert generiert und zu monopolartigen Strukturen führt.

Viele Gründe sprechen also für die Wichtigkeit und Dringlichkeit der Digitalisierung. Doch in der Praxis fallen deutsche Unternehmen zurück, wenn es darum geht, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Eine Studie der Boston Consulting Group zeigt, dass 36 Prozent der deutschen Firmen Nachzügler in der Digitalisierung sind. Nur ein Fünftel der Unternehmen sind Vorreiter, also Firmen, „die mehr als 5 Prozent ihrer Betriebskosten in Digitalisierung und Informationstechnologie investieren, mehr als 10 Prozent „digital befähigte“ Mitarbeiter beschäftigen und eine „digitale Kultur“ pflegen“.

Warum der Rückstand bei der Digitalisierung? 

Offensichtliche Gründe

Betrachtet man die Gründe, warum Unternehmen in Deutschland in der Digitalisierung hinterherhinken, so kommt man zunächst zu offensichtlichen Antworten. Die Infrastruktur in Deutschland lässt zu wünschen übrig. Deutschland ist etwa in Sachen Glasfaser ein Entwicklungsland.

Auch der Fachkräftemangel trägt zu dieser Lücke bei. Experten für künstliche Intelligenz, 3D-Druck, E-Health oder Robotik werden immer häufiger und oft händeringend gesucht, auch digitale Projektmanager. Es fehlt also an den notwendigen Kompetenzen. Besonders digitale Vordenker und Manager sind rar.

Doch es geht auch um Akzeptanz und eine gewisse Begeisterung für das Neue. Doch auch diese Aspekte fehlen. Einer Allenbach-Umfrage zufolge sagen 59% der Unternehmen in Deutschland, dass die Mitarbeiter neue Technologien nur zögerlich nutzen. Sie sorgen sich um ihre Jobs. 

Verborgene Gründe

Weiter gibt es Indikatoren, die darauf hinweisen, dass Unternehmen die Digitalisierung falsch angepackt haben. Einer Studie von Oracle zufolge, die den Maschinenbau untersucht hat, investieren zwar 77 Prozent der befragten deutschen Unternehmen in Industrie-4.0-Technologien, doch 63 Prozent sehen bisher keine oder nur geringe positive Auswirkungen auf ihre Geschäftsentwicklung. So senken diese Investitionen zwar die Kosten, führen aber nicht zu signifikanten Verbesserungen oder neuen Geschäftsmodellen. Die Chance zur Erneuerung ist vertan, da es bei inkrementellen Verbesserungen bleibt. 

Hinzu kommt, dass Digitalisierung Veränderung bedeutet. Veränderung ist immer auch ein emotionales Thema, dass mit vielen Hürden verbunden ist. Auch hier liegt ein Grund für das langsame Vorankommen. 

Das Unternehmen als Ganzes betrachten

All diese Gründe bilden ein komplexes Geflecht, welches eine Digitalisierung erschwert.

Doch die Digitalisierung erfordert das Unternehmen als Ganzes zu betrachten, nicht nur einzelne Organisations- oder Funktionseinheiten. Digitalisierung bedeutet auch, den Blick über die Grenzen des eigenen Unternehmens hinaus zu richten, in Plattformen und in Verbund – Ökosystemen – zu denken. Und Digitalisierung braucht den Mut groß zu denken, Chancen zu schaffen und Veränderungen zu gestalten. Sonst ist das Scheitern an Widerständen vorprogrammiert.

 

Digitalisierung strategisch richtig angehen

Digitalisierung ist ein technologisches Thema und das Wort „digitale Transformation“ bereits wie ein Hype in aller Munde. Die Basis für die erfolgreiche Digitalisierung ist jedoch strategischer Natur. Um Strategien anzugehen, gibt es erprobte und strukturierte Vorgehensweisen, die jedes Unternehmen einsetzen kann. Vor dem strategischen Handwerkszeug liegen eine Grundsatzentscheidung und eine Analyse. Diese schaffen die notwendigen Voraussetzungen. Die Entwicklung der Digitalisierungsstrategie selbst umfasst sieben Schritte.

Voraussetzungen für die Digitalisierung

Grundsatzentscheidung

Grundsätzlich haben Unternehmen zwei Optionen, um die Digitalisierung umzusetzen. Ein Weg sind Einzelmaßnahmen. Diese beruhen oft auf individuellen Präferenzen einzelner Führungskräfte oder sind aus aktuellen Trends geboren. Unternehmen können damit kurzfristige Erfolge erzielen. Das Gros der Potentiale für Wachstum und Erneuerung wird damit jedoch bei Weitem nicht ausgeschöpft. 

Die zweite Option ist die Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie, die alle Facetten und Ebenen des Unternehmens umfasst. Mit einem solchen Vorgehen ist sichergestellt, dass alle Chancen genutzt und alle Voraussetzungen für den Erfolg gewährleistet sind.

Wenn Unternehmen sich für diesen Weg entscheiden, sind Sie auf dem Weg zum digitalen Vorreiter.  Das sind die Unternehmen, die langfristig erfolgreich sein können.  

Digitale Standortbestimmung
In jedem Unternehmen gibt es digitale Aktivitäten. Das sind nicht nur die IT-Systeme. Oft gibt es viel mehr, was jedoch nicht systematisch zusammengetragen und bekannt ist. Dieses Wissen schafft die Basis für die Entwicklung der Digitalisierungsstrategie. 

Daher erfolgt zunächst eine digitale Standortbestimmung. Dabei helfen folgende Fragen.  

  • Welche digitalen Aktivitäten gibt heute im Unternehmen?
  • Wie hoch wird die Bereitschaft für die Digitalisierung angesehen – im Management und bei den Mitarbeitern?
  • Welche Kompetenzen stehen zur Verfügung? Welche fehlen?
  • Wie ist die eigene IT aufgestellt, um die Digitalisierung umzusetzen?
  • Gibt es einen CIO oder CDO oder eine vergleichbare Rolle, um die digitalen Aktivitäten zu bündeln?

Diese Standortbestimmung ist eine essenzielle Grundlage für die Entwicklung der Digitalisierungsstrategie.

 

Exkurs Digitale Reife

Jedes Unternehmen kann seine digitale Reife bestimmen. Dafür eignet sich zum Beispiel der digitale Entwicklungs-Index der Boston Consulting Group. Dieser Index definiert vier Gruppen von Unternehmen. 

Stufe 1 - Digital Passiv

In dieser Stufe der digitalen Reife arbeiten Geschäftsfunktionen und IT manchmal auf Ad-hoc-Anforderungen bei digitalen Themen zusammen. Sie stimmen sich jedoch nicht ab, solange diese Projekte nicht gemeinsam ausgeführt werden. Das Unternehmen hat noch keinen Zielzustand für digitale Technologien und die Organisation definiert.

Stufe 2 - Digitales Lernen.

In dieser Phase ist der Bedarf nach digitalen Investitionen erkannt. Ein Maßnahmenplan zur Schließung bestehender Lücken ist festgelegt. Die Digitalisierung von Prozessen beginnt. Geschäftseinheiten, Funktionen und Regionen führen digitale Initiativen durch, jedoch nicht in Verbindung mit funktionalen Silos.

Stufe 3 - Digitale Performer

Die Unternehmensfunktionen und die IT bauen gemeinsam die erforderlichen Fähigkeiten in allen Bereichen auf, managen die Digitalisierung auf integrierte Weise, bauen erfolgreiche digitale Initiativen auf und vermarkten diese. Einige disruptive Geschäfte werden gestartet.

Stufe 4 - Digitale Leader

Digital ist in das gesamte Unternehmen eingebettet, auch in die Innovation, das Wertversprechen, die Technologie und den Betrieb. Die Organisation übertrifft den Wettbewerb in den wichtigsten digitalen Kennzahlen. Digital wird als der Haupttreiber für den Unternehmenswert angesehen. Die digitale Strategie und eine Roadmap zur Umsetzung sind definiert. Digitale Initiativen tragen zur Strategie bei, und es wird ein klarer Mehrwert geschaffen.

Die Digitale Reife bestimmt den Ausgangspunkt und damit den Grad des Veränderungsbedarfs im Unternehmen.

Sieben Schritte der Digitalisierungsstrategie  

Die sieben Schritte der Digitalisierungsstrategie sind hier skizziert. Jeder Schritt erfordert eine saubere Bestandsaufnahme zum jeweiligen Thema und eine klare Zielsetzung. Jeder Schritt greift dabei in den anderen. Daraus entsteht ein Gesamtbild für das Unternehmen. Dies erfordert die intensive Diskussion und Abstimmung innerhalb des Unternehmens, um letztlich zu einer gemeinsam getragenen Strategie zu gelangen, die auch umgesetzt wird. Die Umsetzung ist in den sieben Schritten bereits zu großen Teilen mit einbezogen. Denn die Voraussetzungen werden geschaffen und alle Erfolgsfaktoren einbezogen.  

Die sieben Schritte sollten zunächst in dieser Reihenfolge bearbeitet werden. Danach folgt ein iterativer Prozess, in dem das Gesamtbild für das digitale Unternehmen entsteht. Denn die Themen sind in unterschiedlichen Bereichen des Unternehmens angesiedelt, die zusammengeführt werden müssen. 

1. Leitgedanken. Die Leitgedanken – oder Vision – beschreiben die Ausrichtung des Unternehmens. Diese muss im Licht der Digitalisierung geprüft und angepasst werden. Wofür will das Unternehmen in Zukunft stehen? Wie sollen Werte geschaffen werden? Daraus ergeben sich logisch Leitlinien für die Entwicklung der Strategie, also Grenzen oder neue Möglichkeiten. Diese Leitgedanken zu definieren ist eine Top-Management Aufgabe.

2. Strategie. Die strategische Ausrichtung des Unternehmens sollte langfristig angelegt sein. Hierfür ist das Verständnis der Veränderungen im Außen essenziell, etwa bei Kunden, Lieferanten, Wettbewerbern. Ebenso braucht es ein Verständnis der Veränderungen im Innen, etwa die Auswirkungen des demographischen Wandels. Daraus entstehen Szenarien und dann ein klares Bild davon, wie das Unternehmen in Zukunft aussehen soll. Das bedingt welche Maßnahmen auf dem Weg erforderlich sind. Gedanken zu Strategien im Verbund und zu Plattformstrategien gehören an diese Stelle. Denn die Digitalisierung fordert etablierte Geschäftsmodelle heraus und ermöglicht völlig neue Strategien für Wachstum.

3. Prozesse. Die Prozesse sind heute oft der Hauptfokus bei der Digitalisierung, sei es in der Produktion oder der Verwaltung. Doch wie sehen die Prozesse heute aus? Es hilft nicht, schlechte Prozesse zu digitalisieren. Natürlich macht die Digitalisierung viele händische Arbeiten überflüssig. Schätzungen zufolge lassen sich rund 50% der Prozesse in verwaltungsnahen Unternehmensbereichen sofort und vollständig elektronisch abwickeln. Günstig ist daher eine Bestandsaufnahme der aktuellen Kernprozesse und unterstützenden Prozesse. Entlang der Strategie und neuen technischen Möglichkeiten entsteht ein Zielbild für die Prozesse im ganzen Unternehmen. Dieses bildet sich dann in den Strukturen ab.

4. Kompetenzen. Die Aufbauorganisation orientiert sich an den Prozessen im Unternehmen. Durch die Digitalisierung kommt es zu vielen Veränderungen, etwa Abbau von Hierarchien oder ganzen Abteilungen bzw. Aufgabenbereichen. Oder Aufgabenbereiche werden zusammengelegt. Hier ist es wichtig, nicht um Positionen zu schachern, sondern das sachlich Notwendige zu tun. Der demographische Wandel fordert so oder so eine Straffung der Hierarchien, denn es wird zu einer Knappheit an Mitarbeitern und Führungskräften kommen. Viele Unternehmen spüren dies schon heute sehr deutlich.

5. Kompetenzen. Digitale Kompetenzen sind in vielen Unternehmen rar. Auch hier ist der Startpunkt eine Bestandsaufnahme. Lücken werden bestimmt und der Qualifizierungsbedarf ermittelt. Dieser ist nicht nur digitaler Natur. Es geht auch um selbstverantwortliches Arbeiten oder um Möglichkeiten für das dezentrale Arbeiten (Home Office), ebenso um den Umgang mit Risiken und Veränderungen. Hier werden die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Schritten sehr deutlich. Für viele Unternehmen ist es eine Herausforderung, eine große Zahl von Mitarbeitern digital zu befähigen, da ein Austausch an vielen Stellen schlicht nicht möglich ist.

6. Personalkörper. Der Personalköper, also die Summe aller Mitarbeiter in Unternehmen ist auch ohne Digitalisierung stetig in Bewegung, abhängig vom Durchschnittsalter und den Jobprofilen. Der demographische Wandel erreicht um 2026 seinen Höhepunkt. Besonders Führungskräfte werden dann rar. Welche Belegschaft ist in Zukunft erforderlich, um den Erfolg des Unternehmens zu sichern? Nicht nur welche Profile, auch welche Altersstruktur, welche Veränderungs- und Innovationsfähigkeit. Ideal erfolgt ein strikt datenbasiertes Vorgehen mit Hilfe von Strategic Workforce Planning (Zielzustand) sowie mit Prescripitive Analysis (passende Maßnahmen mit Monitoring). Das sichert Verlässlichkeit beim Handeln und macht präzise Vorhersagen möglich.

7. Kultur. Die Unternehmenskultur ist ein entscheidender Erfolgsfaktor für die Strategie und Umsetzung der Digitalisierung. Wenn es Silos und Denken und Einzelinteressen gibt, ist dies eine große Hürde, denn Digitalisierung schafft Transparenz und erfordert übergreifende Kooperation. Die Offenheit für Neues, das Lernen und der konstruktive Umgang mit Fehlern sollten in einer digital fördernden Kultur verankert sein.

Jeder dieser sieben Schritte erfordert höchst unterschiedliche Expertise wie auch Entscheidungskompetenzen. Daher ist ein crossfunktionales Team mit einem klaren Projektverantwortlichen für die Entwicklung der Digitalisierungsstrategie erforderlich.

 

Umsetzung auf allen Ebenen 

Bei der Umsetzung der Digitalisierungsstrategie müssen alle Ebenen des Unternehmens mit einbezogen werden und mitwirken. Auch auf der Top-Management Etage sind Kompetenz und Verständnis für die Digitalisierung zu sichern. Es geht also darum, die passenden Maßnahmen auf allen Ebenen zu planen, Einverständnis zu gewinnen und dann umzusetzen. 

Hier beginnt das klassische Feld von Change-Management. Unternehmen können bereits vorhandene Prozesse, Methoden und Mitarbeiter einsetzen. Denn es gilt Sorgen und Widerstände abzubauen, zu informieren und zu befähigen. Wenn es hier Lücken gibt, ist die Digitalisierung eine gute Gelegenheit, diese zu schließen.

 

Warum die strategische Digitalisierung 

Die Digitalisierung von Unternehmen mit Hilfe dieser sieben strategischen Schritte hat zahlreiche Vorteile. Zum einen ist sichergestellt, dass das Unternehmen als Ganzes im Blick ist. Es kann nicht mehr passieren, dass wichtige Aspekte übersehen werden. Alle Chancen für Wachstum und Produktivität kommen auf den Tisch und werden nutzbar.

Darüber hinaus anderen werden alle Hürden, die der Umsetzung im Wege stehen könnten, von Anfang an gehandhabt. Das vermeidet unschöne Überraschungen bei der Digitalisierung.

Unternehmen können auf diese Weise zu digitalen Vorreitern werden. Das erfordert Zeit und Nachdenken über die Strategie, um dann alle weiteren Investitionen mit möglichst hohem Return und geringen Risiken vorzunehmen.  

Unternehmen, die diesen Weg der Digitalisierung vermeiden, laufen Gefahr vom Wettbewerb abgehängt zu werden oder die Zustimmung ihrer Kunden, also Umsatz und Profit, zu verlieren. Der Status Quo lässt sich so oder so nicht dauerhaft erhalten. Wer sich nicht verändert, der wird mit der Zeit verändert. Damit geht die Gestaltungsmacht verloren.  

Daher ist die Entscheidung für oder gegen eine strategische Digitalisierung in Wahrheit eine Entscheidung für Wachstum oder Niedergang.

Digitalisierung strategisch für Wachstum nutzen

28.03.2019

Blogbeitrag von Dr. Anja Henke, Wachstumsexpertin und Geschäftsführerin

Mehr über Dr. Anja Henke

Frau Dr. Henke als Sparring-Partnerin buchen