Ein Beitrag von Jürgen Bache

Um es vorweg zu nehmen: Hier geht es nicht um Relativierung, Verharmlosung oder Dramatisierung der aktuellen Pandemiekrise. Es geht mir darum, einerseits Sorgen ernst zu nehmen, andererseits aber auch für den einzelnen und für die Gemeinschaft die Chancen aufzuzeigen, die sich jetzt ergeben.


 

„Wenn wir uns nicht damit blockieren, uns über die Lage zu ärgern, in der wir uns befinden, können wir die Punkte ausfindig machen, an denen Veränderungen und Verbesserungen möglich sind.“  – Rudolf Dreikurs

Viele Mitmenschen machen sich zur Zeit Sorgen um die Gesundheit. Um ihre eigene und die naher Angehöriger. Sie machen sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz, ihre Firma, um Einkomensfortzahlungen, stornierte Urlaube und vieles mehr. Die Kinder müssen nun daheim betreut und bespaßt werden, oft gemeinsam mit Home-Office-Tätigkeit. Gut eingeschwungene und bewährte familiäre oder betriebliche Prozesse geraten durcheinander und schaffen Unruhe in einem ohnehin schon sehr anspruchsvollen Alltag.

Eine weltweite Krise zeigt uns plötzlich Schwachstellen auf, die wir entweder nicht kannten, nicht wahrnehmen konnten oder wollten oder die wir einfach ausgeblendet haben. Jetzt zeigen sich ihre Auswirkungen. Unser Alltag verändert sich, ob wir das wollen oder nicht.

Unsere Zuversicht hängt von den jetzt für uns handelnden Personen, von unseren Erfahrungen, unserem Angstpegel und dem grundsätzlichen Vertrauen oder Nichtvertrauen in unsere Strukturen und Politiker ab. Jede Sorge ist individuell ernst zu nehmen. Zu allen genannten und nicht genannten Problemfeldern sind die Verantwortlichen in Politik, Gesundheitswesen, Wissenschaft und Verwaltung gefordert, Lösungen zu finden und Härten abzufedern. Wenn sie diese Verantwortung – so wie in den überwiegenden Fällen – wahrnehmen, verdienen sie unseren Respekt und unsere Anerkennung und wo immer leistbar, unsere Unterstützung. 

Worin bestehen die Chancen in der Krise?

Als Coach arbeite ich seit vielen Jahren mit Führungskräften und Menschen in Verantwortung in verschiedensten Berufsgruppen. Ein Thema zieht sich dabei wie ein roter Faden durch viele Gespräche: die Sehnsucht nach Entschleunigung und der damit verbundene Wunsch, aus dem vielzitierten Hamsterrad heraus zu kommen.

Natürlich gibt es hier verschiedene Lösungen, allein die Zeit, sich mit ihnen und den erforderlichen Konsequenzen auseinander zu setzen, scheint zu fehlen. Die Priorisierung der Zeitplanung für diese wichtigen Fragen erscheint aufgrund des vollen Alltags nicht möglich. „Es wäre wichtig, aber ich komme leider nicht dazu, mich mit den Fragen wirklich auseinander zu setzen und die Lösungsmöglichkeiten einmal durchzuspielen.“ Auch das erhöht dann nochmals den empfundenen Druck und „macht Stress“.

Und nun ergeben sich durch notwendige Restriktionen angesichts der Coronakrise plötzlich und ungeplant Leerzeiten im Alltag: Kürzere Arbeitszeiten durch Leerlauf, eingeschränkte Freizeitmöglichkeiten durch Schließungen, Zwangsurlaube ohne die Möglichkeiten zu verreisen, mehr Zeit im Umfeld der Familie durch Homeoffice und so weiter.

Viele Umstände, über die man sich jetzt ausgiebig ärgern und Zeit in die Suche nach Schuldigen verschwenden könnte. Das wäre dann wirklich ein Grund sich zu ärgern.

Wie wäre es jetzt frei nach dem ALI-Prinzip (Ausatmen-Luftholen-Innehalten), die verordnete Zeit zu nutzen, sich auf wesentliche Fragen zu besinnen? Gerne möchte ich Sie mit einigen Beispielfragen zu dieser inneren Fragerunde ermutigen.

Abgesehen von der Coronakrise, wo stehen Sie in ihrem Leben? Wenn Sie Ihr Leben mit etwas Abstand betrachten: Läuft alles so, wie Sie sich das vor einigen Jahren vorgestellt haben? Wie würden Sie diese Situation bewerten auf einer Skala von 0 bis 10 (0 = schlecht, 10 = hervorragend)?. Worauf begründet sich Ihre Bewertung? Was läuft gut, was müsste geändert werden? Wie könnte eine Veränderung aussehen? Was sagt Ihr Umfeld dazu, welches wäre der erste Schritt? Was geht nur mit Unterstützung?

Es ist hilfreich, diese und weitere Fragen an den Hauptlebensbereichen zu orientieren.

  • Wo stehe ich als Mensch (Gesundheit, Sinn, Lebensqualität, Glück, Träume…)?
  • Wie sieht es mit meiner Beziehung aus (Liebe, Partnerschaft, „Wir“…)?
  • Wo stehe ich in meinem beruflichen Umfeld (Position, Karrierepläne und -grenzen, Aufwand/Nutzen, Einkommen, Work-Life-Balance…)?
  • Wie bewerte ich mein gesellschaftliches Umfeld (erweiterte Familie, Freundeskreis, Beitrag zur Gesellschaft, Ehrenamtlichkeit …)?

Wenn Sie sich ehrliche Antworten geben, finden Sie Bestätigungen für alles, was gut läuft und worauf sie bewusst stolz sein können und Sie finden Ansatzpunkte für Verbesserungen. Möglicherweise entdecken Sie sogar wichtige Bereiche oder Themen, die Sie bisher stark vernachlässigt oder völlig außer Acht gelassen haben (oft sind das zum Beispiel Fragen, zur eigenen Gesundheit und Selbstfürsorge).

Wie geht es Ihnen mit Ihren Antworten? Lösen sie ein gutes Gefühl aus oder werden Sie vielleicht unruhiger?

Sprechen Sie darüber: viele Aspekte dieser persönlichen Standortbestimmung bieten sich an, sie mit Lebenspartnern, Freunden oder einer professionellen Unterstützung zu reflektieren. Das geht auch jetzt gut – wenn nicht persönlich, dann per Telefon, Video oder Chat.

Die Freude darüber, dass Sie auch viele Anlässe zur Zufriedenheit haben mit anderen zu teilen ist dabei genauso wichtig, wie die Reflexion der Bereiche mit Handlungsbedarf.

Auf jeden Fall wäre es gut genutzte Zeit.

Vielleicht gehen Sie auch noch weiter: Unsere Welt verändert sich dramatisch – auch ohne Coronakrise. Die Klimaveränderungen entwickeln sich bedrohlich, Flüchtlinge berufen sich mit Recht auf unser Asylrecht, gewohnte Werte verschwinden oder verlieren an Bedeutung, die Demokratie ist im Stresstest …

 

Die Gesellschaft ist mehr denn je auf die Positionierung und ehrenamtliche Mitarbeit des Einzelnen angewiesen.

Gibt es Missstände, gegen die Sie etwas tun könnten? Im vollgepackten Alltag fehlt oft die Zeit, sich in Ruhe auf einen möglichen persönlichen Beitrag für die Gemeinschaft einzulassen. Sie können darauf vertrauen, dass es ihn gibt, Sie hatten nur noch nicht die Zeit, ihn zu entdecken.

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In Zeiten von Nachrichtenflut, Halbwahrheiten und Fake News fällt es oft schwer, sich sorgfältig zu informieren und ein realistisches Bild der Sachlage zu entwickeln. Im Alltag werden wir mit Ultrakurznachrichten als Headlines ohne Tiefgang bombardiert. Scheinbar soziale Medien und „Lautsprecher“ prägen unverdient das Meinungsbild.

Mit etwas mehr Zeitaufwand erkennen Sie vielleicht kritische Entwicklungen auf Gebieten, die ihnen persönlich wichtig sind. Oft sind es Themen, die gerade heute an Bedeutung gewinnen:

  • Wieso nehmen wir seit Jahren zur Kenntnis und lassen zu, dass soziale Berufe zwar immer wichtiger werden, aber weiterhin schlecht bezahlt werden? Gerade riskieren viele Menschen aus dieser Branche ihre eigene Gesundheit, um uns zu helfen!
  • Wozu gehen wir das Risiko ein, die Produktion lebenswichtiger Produkte wie Arzneimittel aus Profitgründen vollständig ins Ausland zu verlagern?
  • Wohin hat uns die „Geiz ist Geil“-Mentalität geführt?
  • Was geschieht, wenn die nationalen Egoismen weiter ansteigen und demokratische Errungenschaften vieler Jahre geopfert werden?

Das sind sicher nur einige Bespiele und vielleicht individuell für Sie auch nicht die wichtigsten Themen. Aber es soll eine Einladung sein, die Gelegenheit zu nutzen, sich ein aktuelles und genaueres Bild für Ihre Themen zu machen – und vielleicht das nachzuholen, was in den letzten Jahren im „Hamsterrad“ verloren ging.

Von offizieller Seite wird im Moment mit Recht darauf hingewiesen, dass wir mehr Gemeinschaftsgefühl, mehr Mitmenschlichkeit und Mitgefühl brauchen. Dem stimme ich voll und ganz zu. Wir brauchen es aber nicht nur während dieser Krise, sondern auch dauerhaft darüber hinaus.

Ich wünsche Ihnen, gesund zu bleiben und die Zeit, sich mit all diesen Gedanken auseinander zu setzen. Wenn wir den „Leerlauf“ sinnvoll nutzen, trägt die Coronakrise vielleicht zu wichtigen persönlichen und gesellschaftlichen Kurskorrekturen bei.

 

Blogbeitrag von Jürgen Bache

Jürgen Bache ist zertifizierter individualpsychologischer Management-Coach und Mitglied im Kernteam Carpe Viam

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Die Chancen in der Krise – gutes Krisenmanagement

19.03.2020